BURON FotoPortfolio
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Hirschfieber

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Nach   mehrjähriger   Wartezeit   war   ich   Jagdlehrling   geworden   und   durfte,   seit   nun   fast einem   Jahr   schon,   in   einer   der   Jagdgruppen   erfahrene   Jäger   zur   Jagd   begleiten.   Durfte? Ich   wollte!   Es   war   damals   die   einzige   Möglichkeit,   Jagdluft   zu   schnuppern   und   meiner Passion   nachzugehen.   Trotz   immer   wieder   neuen   Hindernissen   gab   es   doch   einige   gute Freunde,   die   mir   dabei   halfen,   das   notwendige   Rüstzeug   als   Jägerin   zu   erhalten.   Einer war   ein   älterer   und   sehr   erfahrener   Jäger,   der   als   Oberförster   die   Möglichkeit   besaß,   in einem   Teil   des   damaligen   'Staatsjagdreviers'   jagen   zu   gehen.   Ein   Revier,   welches   einen zwar   weitaus   zu   hohen,   aber   qualitätsmäßig   starken   Bestand   an   Rotwild   besaß.   Davon profitierte    auch    der    stille    Spaziergänger,    bekam    er    doch    auf    diese    Weise    gute      Gelegenheit,    dieses    beeindruckende    heimische    Wild    in    freier    Natur    beobachten    zu können. Der Nachteil sind die kaputten Wälder gewesen. Für    mich    war    es    das    Paradies    schlechthin.    Ich    nutzte    viel    freie    Zeit    für    meine Beobachtungen.   Selbst   die   Familienspaziergänge   fanden   häufig   in   diesem   Gebiet   statt, welches   nicht   mal   eine   halbe   Autostunde   vom   Wohnort   entfernt   lag.   Fährtenlesen   und das   Üben   hirschgerechter   Zeichen   war   hier   leicht   gemacht.   Wollte   ich   nach   der   Arbeit entspannen,   setzte   ich   mich   kurzerhand   in   meinen   Trabbi   und   fuhr   hinaus.   Die   guten Plätze zum Beobachten hatte ich schon als Nichtlehrling herausgefunden. Die   schönste   Zeit   des   Jahres   in   diesem   Gebiet   begann   für   mich   stets   Mitte   September. Allerdings   wurde   dann   auch   der   Bevölkerung   der   Zutritt   für   ganze   Revierteile   untersagt, denn   wenn   die   Rotwildbrunft   begann,   erschienen   besonders   viele   "hohe"   Jagdgäste   im Revier. Was man damals eben als "hoch" bezeichnete... Ich   saß   stundenlang   in   der   Nacht   am   Rande   einer,   weit   oberhalb   des   Reviers,   gelegenen, recht   wenig   befahrenen   Strasse.   Von   hier   aus   konnte   ich   gut   verhören,   störte   aber   auch gleichzeitig   die   Jagdausübung   in   keinster   Weise   und   bekam   vor   allem   keinen   Ärger.   Was ich   zu   hören   bekam   war   überwältigend.   Zur   Hochbrunftzeit   startete   das   vielstimmige Konzert   "suchender"   oder   „besitzender“   Hirsche   bereits   in   den   frühen   Abendstunden und   ebbte   auch   tagsüber   nicht   völlig   ab.   Wie   gern   wäre   ich   zu   diesen   Stunden   auf   Ansitz inmitten   des   Geschehens   gewesen.   Hautnah   dran....   ein   Traum,   und   lange   blieb   es   einer, bis   ich   mir   eines   Tages   ein   Herz   fasste   und   eben   diesen   Förster   fragte,   ob   er   mich   mal     mit   hinaus   auf   Ansitz   nehmen   würde.   Die   Zusage   kam   unverhofft   bald,   gleich   nach   dem darauf folgenden Wochenende. An   einem   Dienstag,   es   war   der   19.   September,   packte   ich   nachmittags   überglücklich     meinen   Rucksack.   Viel   brauchte   ich   nicht   zu   verstauen.   Außer   Schnitten   und   etwas   zu Trinken    nahm    ich    meinen    Fotoapparat    mit.    Ich    erschien    natürlich    vorfristig    am vereinbarten   Treffpunkt   und   hob   vor   Aufregung   fast   ab.   Zu   meinem   Erstaunen   hatte auch   der   Förster   nur   seine   Fotoausrüstung   bei   sich.   Auf   meine   Frage   nach   dem   Gewehr antwortete    er    lächelnd:    „Du    willst    doch    etwas    erleben    und    sehen,    oder?    Wenn    ich schieße ist ja gleich alles vorbei.“ Das     Fahrzeug     blieb     am     Waldrand     stehen.     Es     war     ein     ruhiger,     fast     windstiller Spätnachmittag.   Wir   liefen   das   letzte   Stück   bis   zu   einer   geschlossenen   Kanzel,   die   am Rande   des   Altholzes   stand.   Bereits   beim   Anlaufen   sahen   wir   ein   Kahlwildrudel   durchs Stangenholz   ziehen.   Derartige   Anblicke,   selbst   in   den   Nachmittagsstunden,   waren   hier keine   Seltenheit.   Ihre   Unruhe   rührte   jedoch   scheinbar   von   einem   Radfahrer   her,   der   uns kurz darauf auf dem Waldweg begegnete. Nach   dem   Aufbaumen   versuchte   ich   mich   zu   orientieren.   Ich   stellte   fest,   dass   wir   uns einige    Hundert    Meter    Luftlinie    entfernt    auf    gleicher    Höhe    und    vis-á-vis    der    Strasse befanden,    auf    der    ich    sonst    meine    abendlichen    oder    nächtlichen    Standorte    zwecks Verhörens      innehatte.   Zwischen   uns   und   der   besagten   Strasse   lag   ein   wunderschönes   Tal mit   einem   kleinen   Bach   in   seiner   tiefen   Mitte.   Unsere   Kanzel   befand   sich   im   oberen   Teil eines   Hanges,   linkerhand   offenes   Altholz,   rechts   vom   Kamm   bis   fast   ins   Tal   hinunter   ein breiter    Streifen    Fichtenkultur,    begrenzt    von    Stangenholz.    Den    Einblick    ins    Tal    selbst versperrten   hohe   Fichten   und   Buchen,   die   am   Rande   eines   Weges   standen,   der   etwa hundert   Meter   unter   unserem   Ansitz   verlief   und   die   untere   Grenze   der   Kulturfläche bildete,    an    der    wir    saßen.    Ich    wusste    von    meinen    Spaziergängen    her,    wie    das    Tal unterhalb   des   Weges   ausschaute.   Es   war   auf   der,   dem   Weg   gegenüberliegenden,   Seite durch   stellenweise   hohe   Felsgruppen   und   steile   Hänge   von   der   übrigen,   viel   lauten   Welt abgeschottet.   In   meiner   Vorstellung   vernahm   ich   das   Plätschern   des   kleinen   Baches,   der die    Idylle    darin    vollständig    machte.    Malerisch    und    friedvoll    war    es,    mit    knapperen      Worten beschrieben. Jahre   später   sollte   ich   genau   dort   den   Beginn   einens   Orkans   erleben.   Obwohl   der   Orkan angekündigt   war,   bin   ich   draußen   gelaufen,   bevor   es   so   richtig   zur   Sache   ging.   Ich   stand oberhalb   des   Tals   auf   den   Felsen   und   genoss   die   Stimmung   des   herannahenden   Sturms, als   sich   die   unterhalb   wurzelnden   Bäume   mit   ihren   Kronen   plötzlich   im   tosenden   Wind zu   mir   rüberschwangen.   Kein   gutes   Gefühl...   echt   nicht.   Sie   kamen   bedenklich   nahe   und so   nahm   ich   dann   die   Beine   in   die   Hand,   um   schnell   aus   dem   Wald   zu   kommen,   in   dem es   bereits   splitterte   und   krachte...   Derartige   verrückte   Dinge   hatte   ich   damals   noch   öfter drauf.
Hildruth Sommer - Böttchergasse 6 - 99891 Tabarz/Thür. - Tel.:  036259 39999
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Nach   mehrjähriger   Wartezeit   war   ich   Jagdlehrling geworden    und    durfte,    seit    nun    fast    einem    Jahr schon,   in   einer   der   Jagdgruppen   erfahrene   Jäger zur    Jagd    begleiten.    Durfte?    Ich    wollte!    Es    war damals      die      einzige      Möglichkeit,      Jagdluft      zu schnuppern    und    meiner    Passion    nachzugehen. Trotz    immer    wieder    neuen    Hindernissen    gab    es doch    einige    gute    Freunde,    die    mir    dabei    halfen, das   notwendige   Rüstzeug   als   Jägerin   zu   erhalten. Einer   war   ein   älterer   und   sehr   erfahrener   Jäger, der     als     Oberförster     die     Möglichkeit     besaß,     in einem   Teil   des   damaligen   'Staatsjagdreviers'   jagen zu   gehen.   Ein   Revier,   welches   einen   zwar   weitaus zu   hohen,   aber   qualitätsmäßig   starken   Bestand   an Rotwild    besaß.    Davon    profitierte    auch    der    stille Spaziergänger,    bekam    er    doch    auf    diese    Weise gute              Gelegenheit,       dieses       beeindruckende heimische    Wild    in    freier    Natur    beobachten    zu können.    Der    Nachteil    sind    die    kaputten    Wälder gewesen. Für    mich    war    es    das    Paradies    schlechthin.    Ich nutzte    viel    freie    Zeit    für    meine    Beobachtungen. Selbst   die   Familienspaziergänge   fanden   häufig   in diesem   Gebiet   statt,   welches   nicht   mal   eine   halbe Autostunde        vom        Wohnort        entfernt        lag. Fährtenlesen      und      das      Üben      hirschgerechter Zeichen   war   hier   leicht   gemacht.   Wollte   ich   nach der   Arbeit   entspannen,   setzte   ich   mich   kurzerhand in   meinen   Trabbi   und   fuhr   hinaus.   Die   guten   Plätze zum   Beobachten   hatte   ich   schon   als   Nichtlehrling herausgefunden. Die    schönste    Zeit    des    Jahres    in    diesem    Gebiet begann   für   mich   stets   Mitte   September.   Allerdings wurde   dann   auch   der   Bevölkerung   der   Zutritt   für ganze     Revierteile     untersagt,     denn     wenn     die Rotwildbrunft   begann,   erschienen   besonders   viele "hohe"   Jagdgäste   im   Revier.   Was   man   damals   eben als "hoch" bezeichnete... Ich   saß   stundenlang   in   der   Nacht   am   Rande   einer, weit   oberhalb   des   Reviers,   gelegenen,   recht   wenig befahrenen   Strasse.   Von   hier   aus   konnte   ich   gut verhören,      störte      aber      auch      gleichzeitig      die Jagdausübung    in    keinster    Weise    und    bekam    vor allem   keinen   Ärger.   Was   ich   zu   hören   bekam   war überwältigend.    Zur    Hochbrunftzeit    startete    das vielstimmige          Konzert          "suchender"          oder „besitzender“     Hirsche     bereits     in     den     frühen Abendstunden    und    ebbte    auch    tagsüber    nicht völlig   ab.   Wie   gern   wäre   ich   zu   diesen   Stunden   auf Ansitz   inmitten   des   Geschehens   gewesen.   Hautnah dran....   ein   Traum,   und   lange   blieb   es   einer,   bis   ich mir   eines   Tages   ein   Herz   fasste   und   eben   diesen Förster    fragte,    ob    er    mich    mal        mit    hinaus    auf Ansitz   nehmen   würde.   Die   Zusage   kam   unverhofft bald,       gleich       nach       dem       darauf       folgenden Wochenende. An    einem    Dienstag,    es    war    der    19.    September, packte    ich    nachmittags    überglücklich        meinen Rucksack.    Viel    brauchte    ich    nicht    zu    verstauen. Außer   Schnitten   und   etwas   zu   Trinken   nahm   ich meinen    Fotoapparat    mit.    Ich    erschien    natürlich vorfristig   am   vereinbarten   Treffpunkt   und   hob   vor Aufregung    fast    ab.    Zu    meinem    Erstaunen    hatte auch    der    Förster    nur    seine    Fotoausrüstung    bei sich.      Auf      meine      Frage      nach      dem      Gewehr antwortete    er    lächelnd:    „Du    willst    doch    etwas erleben   und   sehen,   oder?   Wenn   ich   schieße   ist   ja gleich alles vorbei.“ Das   Fahrzeug   blieb   am   Waldrand   stehen.   Es   war ein    ruhiger,    fast    windstiller    Spätnachmittag.    Wir liefen   das   letzte   Stück   bis   zu   einer   geschlossenen Kanzel,   die   am   Rande   des   Altholzes   stand.   Bereits beim   Anlaufen   sahen   wir   ein   Kahlwildrudel   durchs Stangenholz   ziehen.   Derartige   Anblicke,   selbst   in den      Nachmittagsstunden,      waren      hier      keine Seltenheit.    Ihre    Unruhe    rührte    jedoch    scheinbar von   einem   Radfahrer   her,   der   uns   kurz   darauf   auf dem Waldweg begegnete. Nach    dem    Aufbaumen    versuchte    ich    mich    zu orientieren.    Ich    stellte    fest,    dass    wir    uns    einige Hundert   Meter   Luftlinie   entfernt   auf   gleicher   Höhe und    vis-á-vis    der    Strasse    befanden,    auf    der    ich sonst      meine      abendlichen      oder      nächtlichen Standorte   zwecks   Verhörens      innehatte.   Zwischen uns       und       der       besagten       Strasse       lag       ein wunderschönes    Tal    mit    einem    kleinen    Bach    in seiner   tiefen   Mitte.   Unsere   Kanzel   befand   sich   im oberen     Teil     eines     Hanges,     linkerhand     offenes Altholz,   rechts   vom   Kamm   bis   fast   ins   Tal   hinunter ein    breiter    Streifen    Fichtenkultur,    begrenzt    von Stangenholz.       Den       Einblick       ins       Tal       selbst versperrten    hohe    Fichten    und    Buchen,    die    am Rande    eines    Weges    standen,    der    etwa    hundert Meter   unter   unserem   Ansitz   verlief   und   die   untere Grenze   der   Kulturfläche   bildete,   an   der   wir   saßen. Ich   wusste   von   meinen   Spaziergängen   her,   wie   das Tal   unterhalb   des   Weges   ausschaute.   Es   war   auf der,    dem    Weg    gegenüberliegenden,    Seite    durch stellenweise   hohe   Felsgruppen   und   steile   Hänge von   der   übrigen,   viel   lauten   Welt   abgeschottet.   In meiner    Vorstellung    vernahm    ich    das    Plätschern des   kleinen   Baches,   der   die   Idylle   darin   vollständig machte.     Malerisch     und     friedvoll     war     es,     mit knapperen  Worten beschrieben. Jahre    später    sollte    ich    genau    dort    den    Beginn einens      Orkans      erleben.      Obwohl      der      Orkan angekündigt   war,   bin   ich   draußen   gelaufen,   bevor es   so   richtig   zur   Sache   ging.   Ich   stand   oberhalb   des Tals   auf   den   Felsen   und   genoss   die   Stimmung   des herannahenden    Sturms,    als    sich    die    unterhalb wurzelnden   Bäume   mit   ihren   Kronen   plötzlich   im tosenden   Wind   zu   mir   rüberschwangen.   Kein   gutes Gefühl...    echt    nicht.    Sie    kamen    bedenklich    nahe und   so   nahm   ich   dann   die   Beine   in   die   Hand,   um schnell    aus    dem    Wald    zu    kommen,    in    dem    es bereits   splitterte   und   krachte...   Derartige   verrückte Dinge hatte ich damals noch öfter drauf.
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