BURON FotoPortfolio
©

Der Starke

Seite 1

Einen   "Einser"   sollte   ich   erlegen.   Der   Jagdpächter   hatte   die   Freigabe   für   sein   Revier bekommen,   und   da   ich   zuvor   dafür   gesorgt   hatte,   dass   er   es   überhaupt   noch   behalten kann,   erhielt   ich   diesen   einmaligen   Abschuss   als   ein   Dankeschön.   Alle   anderen   Jäger unserer   Gruppe   hatten   solche   Starken   bereits   erlegen   können,   denn   sie   waren   dort schon   zu   DDR-Zeiten   auf   Jagd   gewesen.   Damals   gab   es   noch   sehr   viel   solch   kapitalen Rotwilds   in   diesem   Revier.   Zu    viel   sogar.   Einer   von   ihnen   hing   sich   solche   Trophäen,   in Ermangelung   an   ausreichend   Platz   in   seinem   recht   großen   Haus,   sogar   in   die   Garage. Den   Jägern   nachgeworfen   wurden   aber   in   jenen   Zeiten   solche   Ausnahmehirsche   nicht. Es   waren   nur   "die   äußerst   Braven"   in   den   Genuss   gekommen,   wozu   auch   jener   gehörte. Seine   Sache,   wenn   nicht   das   passiert   wäre,   was   mir   später   passierte.      Aber   lieber   alles von   vorn:   Ein   I-er   oder   zumindest   IIb   sollte   es   "als   Geschenk"   sein.   Genau   genommen war   es   ja   so   etwas   wie   mein   Lohn,   denn   das   Revier   für   ihn   zu   erhalten,   war   nicht   so einfach   gewesen.   Für   den   Nichtjäger   sei   erklärt:   diese   Eingruppierungen   sagen   etwas über Trophäenstärke und Mindestalter des Hirsches aus. Man   sollte   aber   immer   auf   seinen   Instinkt   hören   und   mir   verursachte   der   geplante Abschuss von Anfang an Bauchschmerzen. Er sollte auch da recht behalten. Der   Erlegung   gingen   zahlreiche   Ansitze   seitens   des   Pächters   und   meiner   selbst   voraus. Es   galt   zu   beobachten,   was   sich   im   Revier   zur   Brunft   so   tat.   Da   tat   sich   allerdings   längere Zeit   überhaupt   nichts,   zumindest   nicht,   was   den   Anblick   eines   starken   älteren   Hirsches betraf.   Es   waren   alles   weitaus   zu   junge,   die   wir   zu   Gesicht   bekamen.   Und   so   entschied dieser   Pächter,   dass   sogar   meine   Tochter   zwecks   "Aufspüren"   (sie   war   darin   natürlich nicht   gänzlich   unbeleckt)   hinzugezogen   werden   sollte.   Wir   setzten   uns   jeder   allein   an verschiedenen    Stellen    zur    gleichen    Zeit    an.    Aber    selbst    das    brachte    uns    keinen derartigen   Hirsch   in   Anblick.   Ein   regelrechter   Verzweiflungsakt   des   Pächters   folgte   auf dem   Fuße,   damit   gemeint:   ein   gemeinsamer   Ansitz   von   ihm   und   mir   am   Rande   der   im Revier   eigens   für   das   Wild   eingerichteten   Ruhezone.   Also   dort,   wo   schon   noch   Hahn   in Ruh' herrschen sollte. Sein Revier, seine Entscheidung. Es   war   bestes   Büchsenlicht   an   diesem   Nachmittag   im   September,   als,   aus   unserem Rücken   kommend   und   dicht   an   der   Kanzel   vorbei,   ein   starker   Hirsch   mit   gewaltigem Geweih   und   mit   nur   wenigen   Stücken   Kahlwild   vorüberzog.   Alte   Hirsche   haben   es   so   an sich,   dass   sie   keine   großen   Rudel   führen.   In   diesem   Moment   wagte   keiner   von   uns   recht zu     atmen.     Mein     Herz     machte     Sätze     ob     dieses     überwältigenden     und     wirklich unverhofften   Anblicks.   Das   machte   es   zum   einen   immer,   wenn   ich   Rotwild   sah,   ob   mit oder    ohne    Waffe    und    war    ein    stärkerer    Hirsch    darunter,    fürchtete    ich    jedes    Mal regelrecht   um   meine   Gesundheit,   obwohl   an   Erlegen   nicht   zu   denken   war.   Es   war   einzig dieser   majestätische   Anblick.   Zum   anderen   sollte   ich   diesmal   ja   solch   einen   Starken sogar erlegen... für jeden leidenschaftlichen Jäger etwas Unbeschreibliches. Noch   wusste   ich   nicht,   ob   mein   erster   Eindruck   vom   Pächter   bestätigt   werden   würde. Auch   war   der   Hirsch   regelrecht   zu   nah   vorübergezogen.   Ich   brauchte   ein   wenig   Distanz, da   ich   Hirsche   im   Alter   zu   schätzen   mehr   auf   Entfernung   gelernt   hatte.   Die   Bewegungen spielten   eine   Rolle,   die   Haltung,   wie   sie   zogen,   das   Haupt   hielten,   wo   die   Läufe   standen, wie sie sich verhielten, der gesamte Körperbau und gesamte Eindruck. Es   rollten   in   den   Minuten   wahre   Filme   in   meinem   Kopf   hinsichtlich   des   Erlernten   und Erprobten    ab.    Der    Pächter    schaute    ihn    sich    fast    eine    Ewigkeit    lang    an,    obwohl    das Zeitgefühl   einen   in   solchen   Momenten   gerne   im   Stich   lässt.   Ohne   Glas,   mit   Glas...   immer wieder.   Ich   selbst   hatte   mich   auf   seinen   gezischten   Hinweis   hin   „fertig   gemacht“,   sprich die   Waffe   vorsichtig   hochgenommen,   aufgelegt,   den   rechten   Ellbogen   ebenfalls.   Und   so wartete    ich,    mit    dem    Daumen    am    Spannschieber    meiner    Blaser    Bockbüchsflinte, beobachtete   den   Hirsch   aber   meist   über   das   Zielfernglas   hinweg.   Hohe   Brunftzeit   war's. Und   so   erlebte   ich,   wie   sich   dieser   Prachtbursche   breit   stellte   und   aus   Leibeskräften schrie.   Dann   nahm   der   Starke   die   nicht   mal   100   Meter   vor   uns   liegende   Suhle   auf   der schmalen    Wiese    an.    Als    er    sich    nach    seinem    nur    kurz    dauernden    Schlammbad gemächlich   wieder   daraus   erhob,   schallte   sein   beeindruckend   schöner   Ruf   erneut   durch den   Wald.   Was   für   ein   Erlebnis....   schon   das.   Ich   schätzte   ihn   auf   mindestens   zehn   Jahre, und   ich   besaß   durchaus   einige   Erfahrung   im   Ansprechen   von   Rothirschen.   Ich   hatte   es zu   Zeiten   erlernt,   als   es   in   den   Revieren   dieser   Gegend   so   viel   Rotwild   gab,   dass   man   sie von   Weitem   mit   Kuhherden   verwechseln   konnte.   Damals,   als   die   DDR   noch   bestand, durfte    ich    kein    Jäger    werden,    weil    ich    „politisch    nicht    astrein    “    gewesen    war.    Also „wechselte“   ich   zwei   Jahre   als   bloße   Wildliebhaberin   und   insgesamt   vier   weitere   Jahre   als Jagdhelfer durch diese Reviere, bis ich nach der Wende die Prüfung ablegen durfte.
Hildruth Sommer - Böttchergasse 6 - 99891 Tabarz/Thür. - Tel.:  036259 39999
Der Einser
Der Einser
starker Hirsch
Flüchtend im Wald
Winterfütterung
Nächste Seite Nächste Seite
BURON FOTOPortfolio
© Hildruth Sommer - Böttchergasse 6 - D-99891 Tabarz/Thür. Tel.: 036259 39999

Der Starke

Seite 1

Einen   "Einser"   sollte   ich   erlegen.   Der   Jagdpächter hatte   die   Freigabe   für   sein   Revier   bekommen,   und da    ich    zuvor    dafür    gesorgt    hatte,    dass    er    es überhaupt   noch   behalten   kann,   erhielt   ich   diesen einmaligen    Abschuss    als    ein    Dankeschön.    Alle anderen     Jäger     unserer     Gruppe     hatten     solche Starken    bereits    erlegen    können,    denn    sie    waren dort     schon     zu     DDR-Zeiten     auf     Jagd     gewesen. Damals    gab    es    noch    sehr    viel    solch    kapitalen Rotwilds   in   diesem   Revier.   Zu    viel   sogar.   Einer   von ihnen   hing   sich   solche   Trophäen,   in   Ermangelung an   ausreichend   Platz   in   seinem   recht   großen   Haus, sogar    in    die    Garage.    Den    Jägern    nachgeworfen wurden        aber        in        jenen        Zeiten        solche Ausnahmehirsche   nicht.   Es   waren   nur   "die   äußerst Braven"    in    den    Genuss    gekommen,    wozu    auch jener     gehörte.     Seine     Sache,     wenn     nicht     das passiert    wäre,    was    mir    später    passierte.        Aber lieber   alles   von   vorn:   Ein   I-er   oder   zumindest   IIb sollte   es   "als   Geschenk"   sein.   Genau   genommen war   es   ja   so   etwas   wie   mein   Lohn,   denn   das   Revier für   ihn   zu   erhalten,   war   nicht   so   einfach   gewesen. Für        den        Nichtjäger        sei        erklärt:        diese Eingruppierungen           sagen           etwas           über Trophäenstärke    und    Mindestalter    des    Hirsches aus. Man   sollte   aber   immer   auf   seinen   Instinkt   hören und   mir   verursachte   der   geplante   Abschuss   von Anfang    an    Bauchschmerzen.    Er    sollte    auch    da recht behalten. Der   Erlegung   gingen   zahlreiche   Ansitze   seitens   des Pächters    und    meiner    selbst    voraus.    Es    galt    zu beobachten,   was   sich   im   Revier   zur   Brunft   so   tat. Da     tat     sich     allerdings     längere     Zeit     überhaupt nichts,    zumindest    nicht,    was    den    Anblick    eines starken    älteren    Hirsches    betraf.    Es    waren    alles weitaus   zu   junge,   die   wir   zu   Gesicht   bekamen.   Und so    entschied    dieser    Pächter,    dass    sogar    meine Tochter      zwecks      "Aufspüren"      (sie      war      darin natürlich    nicht    gänzlich    unbeleckt)    hinzugezogen werden    sollte.    Wir    setzten    uns    jeder    allein    an verschiedenen   Stellen   zur   gleichen   Zeit   an.   Aber selbst   das   brachte   uns   keinen   derartigen   Hirsch   in Anblick.     Ein     regelrechter     Verzweiflungsakt     des Pächters   folgte   auf   dem   Fuße,   damit   gemeint:   ein gemeinsamer   Ansitz   von   ihm   und   mir   am   Rande der   im   Revier   eigens   für   das   Wild   eingerichteten Ruhezone.   Also   dort,   wo   schon   noch   Hahn   in   Ruh' herrschen sollte. Sein Revier, seine Entscheidung. Es   war   bestes   Büchsenlicht   an   diesem   Nachmittag im   September,   als,   aus   unserem   Rücken   kommend und   dicht   an   der   Kanzel   vorbei,   ein   starker   Hirsch mit    gewaltigem    Geweih    und    mit    nur    wenigen Stücken   Kahlwild   vorüberzog.   Alte   Hirsche   haben es   so   an   sich,   dass   sie   keine   großen   Rudel   führen. In   diesem   Moment   wagte   keiner   von   uns   recht   zu atmen.     Mein     Herz     machte     Sätze     ob     dieses überwältigenden       und       wirklich       unverhofften Anblicks.   Das   machte   es   zum   einen   immer,   wenn ich   Rotwild   sah,   ob   mit   oder   ohne   Waffe   und   war ein   stärkerer   Hirsch   darunter,   fürchtete   ich   jedes Mal   regelrecht   um   meine   Gesundheit,   obwohl   an Erlegen   nicht   zu   denken   war.   Es   war   einzig   dieser majestätische    Anblick.    Zum    anderen    sollte    ich diesmal   ja   solch   einen   Starken   sogar   erlegen...   für jeden           leidenschaftlichen           Jäger           etwas Unbeschreibliches. Noch    wusste    ich    nicht,    ob    mein    erster    Eindruck vom    Pächter    bestätigt    werden    würde.    Auch    war der   Hirsch   regelrecht   zu   nah   vorübergezogen.   Ich brauchte   ein   wenig   Distanz,   da   ich   Hirsche   im   Alter zu    schätzen    mehr    auf    Entfernung    gelernt    hatte. Die   Bewegungen   spielten   eine   Rolle,   die   Haltung, wie    sie    zogen,    das    Haupt    hielten,    wo    die    Läufe standen,    wie    sie    sich    verhielten,    der    gesamte Körperbau und gesamte Eindruck. Es   rollten   in   den   Minuten   wahre   Filme   in   meinem Kopf   hinsichtlich   des   Erlernten   und   Erprobten   ab. Der    Pächter    schaute    ihn    sich    fast    eine    Ewigkeit lang   an,   obwohl   das   Zeitgefühl   einen   in   solchen Momenten    gerne    im    Stich    lässt.    Ohne    Glas,    mit Glas...    immer    wieder.    Ich    selbst    hatte    mich    auf seinen    gezischten    Hinweis    hin    „fertig    gemacht“, sprich      die      Waffe      vorsichtig      hochgenommen, aufgelegt,   den   rechten   Ellbogen   ebenfalls.   Und   so wartete   ich,   mit   dem   Daumen   am   Spannschieber meiner    Blaser    Bockbüchsflinte,    beobachtete    den Hirsch    aber    meist    über    das    Zielfernglas    hinweg. Hohe   Brunftzeit   war's.   Und   so   erlebte   ich,   wie   sich dieser      Prachtbursche      breit      stellte      und      aus Leibeskräften    schrie.    Dann    nahm    der    Starke    die nicht   mal   100   Meter   vor   uns   liegende   Suhle   auf   der schmalen   Wiese   an.   Als   er   sich   nach   seinem   nur kurz   dauernden   Schlammbad   gemächlich   wieder daraus   erhob,   schallte   sein   beeindruckend   schöner Ruf   erneut   durch   den   Wald.   Was   für   ein   Erlebnis.... schon   das.   Ich   schätzte   ihn   auf   mindestens   zehn Jahre,   und   ich   besaß   durchaus   einige   Erfahrung   im Ansprechen     von     Rothirschen.     Ich     hatte     es     zu Zeiten     erlernt,     als     es     in     den     Revieren     dieser Gegend    so    viel    Rotwild    gab,    dass    man    sie    von Weitem     mit     Kuhherden     verwechseln     konnte. Damals,   als   die   DDR   noch   bestand,   durfte   ich   kein Jäger    werden,    weil    ich    „politisch    nicht    astrein    gewesen   war.   Also   „wechselte“   ich   zwei   Jahre   als bloße   Wildliebhaberin   und   insgesamt   vier   weitere Jahre    als    Jagdhelfer    durch    diese    Reviere,    bis    ich nach der Wende die Prüfung ablegen durfte.
Nächste Seite Nächste Seite