BURON FotoPortfolio
©

Das kranke Kitz

Seite 1

Als   ich   meinen   Freunden   und   Bekannten   mitteilte,   ich   wolle   Jägerin   werden,   erlebte   ich eine     breite     Palette     an     menschlichen     Reaktionen.     Von     Erstauen     bis     hin     zu unmissverständlichem   Fingerzeig   an   die   Stirn   war   alles   vertreten.   Die   meisten   rieten   mir rundheraus   ab   und   zählten   alle   Nachteile   auf   oder   versuchten   mich   mit   den   Worten: „Das schaffst du nie!“ vor dem vermeintlich größten Fehler meines Lebens zu bewahren. Sie   hatten   sich   allerdings   verrechnet.   Oder   sie   kannten   mich   doch   nicht,   denn   trotz wahrlich   ganzer   Berge   an   Schwierigkeiten,   die   sich   da   vor   mir   auftaten,   war   ich   nach   fast sechs   Jahren   endlich   Jägerin.   In   mancher   Hinsicht   konnte   ich   aber   doch   sagen,   dass   ich sogar   Glück   hatte,   denn   meine   beiden   Lehrer   waren   gute   und   naturverbundene   Jäger. Ich   lernte   nicht   nur   das   jagdliche   Handwerk   von   der   Pike   auf,   sondern   erkannte   die   Liebe zur   Natur   als   unabdingbaren   Grundsatz.   Sicher,   mich   hielt   schon   vor   dieser   geäußerten Absicht   nichts   in   der   behaglichen   Stube.   Wenn   andere   sich   hinter   dem   Ofen   verkrochen, weil    es    regnete    und    draußen    zu    ungemütliches    Wetter    herrschte,    zog    ich    meine bewährte   Allwetter-Kleidung   an,   nahm   den   Hund   und   machte   mich   auf   den   Weg.   Mir war   es   recht,   wenn   sich   die   Natur   nicht   maßgeschneidert   für   Ausflügler   zeigte.   Es   gab nichts   Schöneres   als   Bäume,   die   dem   Sturm   trotzten   und   sich   im   Wind   bogen.   Ich   liebte das    leise    Geräusch    tropfenden    Regens    auf    die    Blätter,    das    Glitzern    taubehangener Spinnennetze    an    den    Zweigen    von    Himbeerbüschen,    den    Anblick    tief    verschneiter Fichten   und   das   Knacken   der   Äste   bei   starkem   Frost.   So   oft   es   ging   nahm   ich   meine     Kinder   auf   die   Spaziergänge   mit,   um   ihnen   nicht   nur   das   Sehen   mit   den   Augen,   sondern auch   das   mit   dem   Herzen   nahezubringen.   Mein   Sohn   fragte   oft   beim   Rauschen   der Bäume   im   Wind:   „Mutti,   was   erzählen   sie   sich   jetzt?“   Und   dann   mußte   ich   mir   rasch   eine interessante   Geschichte   einfallen   lassen.   Anhand   der   zahlreichen   Zeichen,   Fährten   und anderen   Beobachtungen   im   Wald   begriffen   sie   schnell,   dass   der   scheinbar   so   ruhige Wald   viel   Leben   und   Spannung   zu   bieten   hat.   Ein   mäuselnder   Fuchs   auf   der   weiten, schneebedeckten   Wiese,   der   rufende   Tauber   auf   dem   Wipfel   der   Fichte,   der   klopfende Specht     am     Baumstamm,     die     plötzlich     in     der     Dämmerung     über     den     Köpfen hinwegstreichende     Waldohreule     und     der     gerade     entdeckte     Fuchsbau     -     kleine Begebenheiten,    für    viele    leider    so    unbedeutend    oder    völlig    unbekannt.    Sie    boten genügend   Anlaß,   jede   Waldwanderung   für   die   Kinder   und   damit   auch   mich   zum   großen Ereignis   werden   zu   lassen.   Vor   allem   nachts   war   es   ein   Abenteuer.   Und   als   ich   dann Jägerin   war,   zweifelte   keines   meiner   Kinder   am   Zusammenhang   zwischen   dem   Leben mit   und   in   der   Natur   sowie   dem   gelegentlichen   Erlegen   und   Nachhausebringen   des Wildes.    Es    wurde    selbstverständlich,    und    zuweilen    gingen    sie    sogar    mit    auf    Ansitz. Begeistert   allerings   nicht,   wie   sie   mir   später   gestanden.   Ihnen   hätten   die   Tiere   nämlich manchmal   dennoch   leid   getan,   aber   akzeptiert.   So   manches   Erlebnis   in   den   Jahren   als Jägerin   wurde   daher   auch   zur   Angelegenheit   der   gesamten   Familie,   so   wie   zum   Beispiel die folgende Begebenheit mit dem kranken Kitz. Es   war   an   einem   Augusttag.   Ich   hatte   gerade   die   ersten   Wochen   nach   bestandener Prüfung   als   Jungjäger   und   eine   schwere   Krankheit   gemeistert.   Dürr   war   ich   geworden   - es   waren   schlimme   Monate   gewesen.   Überstanden,   es   ging   wieder   aufwärts   und   die ersten   Jagderfolge   durfte   ich   ebenfalls   vorweisen.   Ein   schwaches   Schmalreh   und   einen geringen   Jährling   hatte   ich   bereits   auf   die   Decke   gestreckt.   Genau   dort,   wo   ich   Letzteren erlegte,    hoffte    ich    nun    auf    einen    etwas    stärkeren    und    älteren    Bock.    Ich    jagte    im Hegebereich   von   G.,   einem   meiner   „Lehrer“,   so   wie   es   über   die   damaligen   Jagdleiter   der Jagdgesellschaften    festgelegt    wurde.    Was    zu    erlegen    war,    bestimmte    der    jährliche Abschussplan    der    Gesellschaften.    Und    natürlich    richtete    ich    mich    auch    nach    den Absprachen mit G., der bereits lange Zeit in diesem Revier hegte und jagte.
Hildruth Sommer - Böttchergasse 6 - 99891 Tabarz/Thür. - Tel.:  036259 39999
Nächste Seite Nächste Seite
BURON FOTOPortfolio
© Hildruth Sommer - Böttchergasse 6 - D-99891 Tabarz/Thür. Tel.: 036259 39999

Das kranke Kitz

Seite 1

Als   ich   meinen   Freunden   und   Bekannten   mitteilte, ich   wolle   Jägerin   werden,   erlebte   ich   eine   breite Palette   an   menschlichen   Reaktionen.   Von   Erstauen bis   hin   zu   unmissverständlichem   Fingerzeig   an   die Stirn   war   alles   vertreten.   Die   meisten   rieten   mir rundheraus   ab   und   zählten   alle   Nachteile   auf   oder versuchten   mich   mit   den   Worten:   „Das   schaffst   du nie!“   vor   dem   vermeintlich   größten   Fehler   meines Lebens zu bewahren. Sie    hatten    sich    allerdings    verrechnet.    Oder    sie kannten    mich    doch    nicht,    denn    trotz    wahrlich ganzer   Berge   an   Schwierigkeiten,   die   sich   da   vor mir    auftaten,    war    ich    nach    fast    sechs    Jahren endlich    Jägerin.    In    mancher    Hinsicht    konnte    ich aber   doch   sagen,   dass   ich   sogar   Glück   hatte,   denn meine       beiden       Lehrer       waren       gute       und naturverbundene    Jäger.    Ich    lernte    nicht    nur    das jagdliche    Handwerk    von    der    Pike    auf,    sondern erkannte   die   Liebe   zur   Natur   als   unabdingbaren Grundsatz.    Sicher,    mich    hielt    schon    vor    dieser geäußerten     Absicht     nichts     in     der     behaglichen Stube.     Wenn     andere     sich     hinter     dem     Ofen verkrochen,     weil     es     regnete     und     draußen     zu ungemütliches    Wetter    herrschte,    zog    ich    meine bewährte   Allwetter-Kleidung   an,   nahm   den   Hund und   machte   mich   auf   den   Weg.   Mir   war   es   recht, wenn    sich    die    Natur    nicht    maßgeschneidert    für Ausflügler    zeigte.    Es    gab    nichts    Schöneres    als Bäume,   die   dem   Sturm   trotzten   und   sich   im   Wind bogen.    Ich    liebte    das    leise    Geräusch    tropfenden Regens   auf   die   Blätter,   das   Glitzern   taubehangener Spinnennetze          an          den          Zweigen          von Himbeerbüschen,    den    Anblick    tief    verschneiter Fichten    und    das    Knacken    der    Äste    bei    starkem Frost.   So   oft   es   ging   nahm   ich   meine      Kinder   auf die    Spaziergänge    mit,    um    ihnen    nicht    nur    das Sehen   mit   den   Augen,   sondern   auch   das   mit   dem Herzen   nahezubringen.   Mein   Sohn   fragte   oft   beim Rauschen     der     Bäume     im     Wind:     „Mutti,     was erzählen   sie   sich   jetzt?“   Und   dann   mußte   ich   mir rasch      eine      interessante      Geschichte      einfallen lassen.   Anhand   der   zahlreichen   Zeichen,   Fährten und   anderen   Beobachtungen   im   Wald   begriffen   sie schnell,    dass    der    scheinbar    so    ruhige    Wald    viel Leben      und      Spannung      zu      bieten      hat.      Ein mäuselnder          Fuchs          auf          der          weiten, schneebedeckten   Wiese,   der   rufende   Tauber   auf dem   Wipfel   der   Fichte,   der   klopfende   Specht   am Baumstamm,   die   plötzlich   in   der   Dämmerung   über den   Köpfen   hinwegstreichende   Waldohreule   und der       gerade       entdeckte       Fuchsbau       -       kleine Begebenheiten,    für    viele    leider    so    unbedeutend oder   völlig   unbekannt.   Sie   boten   genügend   Anlaß, jede    Waldwanderung    für    die    Kinder    und    damit auch   mich   zum   großen   Ereignis   werden   zu   lassen. Vor   allem   nachts   war   es   ein   Abenteuer.   Und   als   ich dann   Jägerin   war,   zweifelte   keines   meiner   Kinder am   Zusammenhang   zwischen   dem   Leben   mit   und in    der    Natur    sowie    dem    gelegentlichen    Erlegen und     Nachhausebringen     des     Wildes.     Es     wurde selbstverständlich,   und   zuweilen   gingen   sie   sogar mit   auf   Ansitz.   Begeistert   allerings   nicht,   wie   sie mir    später    gestanden.    Ihnen    hätten    die    Tiere nämlich     manchmal     dennoch     leid     getan,     aber akzeptiert.   So   manches   Erlebnis   in   den   Jahren   als Jägerin   wurde   daher   auch   zur   Angelegenheit   der gesamten     Familie,     so     wie     zum     Beispiel     die folgende Begebenheit mit dem kranken Kitz. Es   war   an   einem   Augusttag.   Ich   hatte   gerade   die ersten    Wochen    nach    bestandener    Prüfung    als Jungjäger   und   eine   schwere   Krankheit   gemeistert. Dürr    war    ich    geworden    -    es    waren    schlimme Monate    gewesen.    Überstanden,    es    ging    wieder aufwärts    und    die    ersten    Jagderfolge    durfte    ich ebenfalls     vorweisen.     Ein     schwaches     Schmalreh und   einen   geringen   Jährling   hatte   ich   bereits   auf die   Decke   gestreckt.   Genau   dort,   wo   ich   Letzteren erlegte,   hoffte   ich   nun   auf   einen   etwas   stärkeren und   älteren   Bock.   Ich   jagte   im   Hegebereich   von   G., einem     meiner     „Lehrer“,     so     wie     es     über     die damaligen       Jagdleiter       der       Jagdgesellschaften festgelegt   wurde.   Was   zu   erlegen   war,   bestimmte der    jährliche    Abschussplan    der    Gesellschaften. Und    natürlich    richtete    ich    mich    auch    nach    den Absprachen   mit   G.,   der   bereits   lange   Zeit   in   diesem Revier hegte und jagte.
Nächste Seite Nächste Seite